Press

20. 10. 2005

Der Musikverein- Monatszeitung (Daniel Ender)

Gegensätze, aufgehoben

Anika Vavic spielt ein neues Werk von Johannes Maria Staud

Berühmte Werke von Robert Schumann und Frédéric Chopin, kombiniert mit zwei zeitgenössischen Kompositionen - auf den ersten Blick ist es eine höchst eigenwillige Konfrontation der großen romantischen Tradition mit modernen Akzenten, die Anika Vavic in ihrem eigens für den Musikverein zusammengestellten Programm am 20. Oktober vornimmt. Hinter dem scheinbar weit Entfernten aber zeigt sich das Verbindende - so wie im Werk von Johannes Maria Staud, dessen neues Klavierstück „Peras" als österreichische Erstaufführung im Zentrum dieses Konzertes steht. Daniel Ender hat mit der Pianistin und dem Komponisten gesprochen.

Daß man die beiden Künstler nicht nur in Wien, sondern bereits in der ganzen Welt kennt, hat nicht nur damit zu tun, daß sie beide an der Wiener Musikuniversität studiert und gleichzeitig ihre Fühler rund um den Globus ausgestreckt haben. Für beide bildeten Wien und auch der Musikverein eine Schnittstelle zwischen lokalem und internationalem Erfolg: Anika Vavic war in der Saison 2003/04 vom Musikverein gemeinsam mit dem Konzerthaus für den internationalen Zyklus „Rising Stars" nominiert, der ORF hat von diesem Programm eine absolut hörenswerte CD produziert.

Und auch für Johannes Maria Staud, dessen Werke in Interpretationen von Peter Keuschnig und seinem Ensemble Kontrapunkte sowie dem Wiener Concert-Verein bereits einige Male im Musikverein zu hören waren, bildete der Goldene Saal schon einmal eine Verbindung zwischen Wien und der Welt: Das Klavierkonzert „Polygon", entstanden im Auftrag der Gesellschaft der Musikfreunde und von Thomas Larcher und dem Radio-Symphonieorchester Wien unter der Leitung von Bertrand de Billy aus der Taufe gehoben, wurde 2003 beim Wettbewerb der großen Rundfunkanstalten aus der ganzen Welt, dem „International Rostrum of Composers", mit einem Ersten Preis ausgezeichnet.

Zwei Bilderbuchkarrieren
Sowohl Anika Vavic als auch Johannes Maria Staud haben schon in jungen Jahren wahre Bilderbuchkarrieren gestartet: Die Pianistin ist in allen bedeutenden Metropolen der Musikwelt zu Hause; jüngst gastierte sie etwa im Zyklus „Große Pianisten" in Santiago de Chile und in München, wo sie gemeinsam mit den Münchner Philharmonikern unter Paavo Järvi Prokofjews Drittes Klavierkonzert interpretierte.

Auch der nur geringfügig ältere Komponist hat sich längst nicht nur in den Nischen der Neuen Musik heimisch gemacht: So konnte sich Johannes Maria Staud, der bei Michael Jarrell an der Wiener Musikuniversität studierte, nicht nur bei Spezialfestivals wie den „Klangspuren Schwaz" oder „Wien Modern" seine Lorbeeren holen, sondern auch im allgemeinen Musikleben positionieren: Bei den Wiener Festwochen, in München und Berlin war im vergangenen Jahr seine erste Oper „Berenice" zu sehen; für den ARD-Wettbewerb schrieb er das Pflichtstück für Violine solo, und für das Mozartjahr 2006 entsteht im Auftrag der Salzburger Festspiele ein Violoncellokonzert immerhin für einen so berufenen Musiker wie Heinrich Schiff.

Einen absoluten Höhepunkt gab es aber im Juni dieses Jahres, als Sir Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern das groß dimensionierte Orchesterwerk „Apeiron" zur Uraufführung brachte, das nicht nur das kritische Berliner Publikum zu Beifallsstürmen verleitete: Auch Sir Simon „was amused" und möchte das Werk nun in sein Repertoire aufnehmen.

Auf einer Wellenlänge
Obwohl sie jahrelang nur drei Gassen voneinander entfernt wohnten, sind sich Anika Vavic und Johannes Maria Staud in Wien nie über den Weg gelaufen. Paradoxerweise brauchte es eine Vermittlung aus dem Ausland, um sie zusammenzubringen: Als sie im vergangenen Jahr beim Klavierfestival Ruhr debütierte, wo sich die Crème de la Crème der internationalen Pianistenszene die Klinke in die Hand gibt, war Anika Vavic derart erfolgreich, daß sie für diese Saison gleich wieder eingeladen wurde, verbunden mit dem Wunsch, die Uraufführung eines Auftragswerkes zu übernehmen.

Spontan sagte sie zu und war bald von der Richtigkeit dieser Entscheidung überzeugt: „Bereits bei meinem ersten Treffen mit Johannes, wo wir nur kurz besprechen wollten, wie das Stück aussehen könnte, sind wir über vier Stunden im Kaffeehaus gesessen und haben vor allem über unsere Lieblingsbücher und über bildende Kunst gesprochen. Es hat sich gleich herausgestellt, daß wir in vielem den gleichen Geschmack hatten, und wir haben uns überhaupt von Anfang an sehr gut verstanden."

Johannes Maria Staud bestätigt das und fügt hinzu: „Eine gemeinsame Wellenlänge ist mir bei künstlerischer Zusammenarbeit immer sehr wichtig. Eine Verständnisebene, die über das Musikalische hinausgeht und viel mehr Bereiche des Lebens erfaßt, wirkt wie von selbst auf das Künstlerische zurück. Es war mir zwar auch wichtig, Anika spielen zu hören, bevor ich das Stück für sie geschrieben habe - fast noch wichtiger war aber der Gedankenaustausch über den geistigen Hintergrund und das Umfeld meiner Stücke."

Musikalischer Da-Vinci-Code
Und das Umfeld des Klavierstückes „Peras" bildet zunächst einmal wiederum Musik: das von Simon Rattle uraufgeführte Orchesterwerk „Apeiron". Die beiden Titel der eng miteinander verbundenen Kompositionen nehmen einen vom griechischen Naturphilosophen Anaximander formulierten Gegensatz auf: „Apeiron" heißt das Unbegrenzte, Unendliche, „Peras" dessen Gegenteil, das Bestimmte. Johannes Maria Staud ist bei der Lektüre der Schriften von Leonardo da Vinci auf diese Gegenüberstellung gestoßen: „Bei Leonardo hat mich immer fasziniert, wie er poetischen Ausdruckswillen mit klarem analytischem Verstand, Inspiration mit Wissenschaftlichkeit verbindet. Diese beiden Prinzipien bilden ja eine untrennbare Einheit, beide können ohne einander gar nicht existieren."

Gewinnt nun im Orchesterwerk der Ausdruckswillen die Oberhand, während das Klavierstück klarer und begrenzter formuliert ist? „Das könnte man so sagen. In ,Apeiron‘ habe ich versucht, ständig eine Vielfalt von Formen zu erzeugen, mehr als man eigentlich aufnehmen kann. ,Peras‘ dringt dagegen mehr in den Mikrokosmos der Klänge ein und beleuchtet seine viel klarere Struktur gleichsam von innen."
„Mich erinnern die beiden Werke an ,Das Bildnis des Dorian Gray‘ von Oscar Wilde", wirft Anika Vavic ein, „das Orchesterwerk wirkt so, als ob das Klavierstück plötzlich gealtert wäre und ganz bizarre Auswüchse bildet. Trotz seiner Ausbrüche bleibt ,Peras‘ immer ganz klar und überschaubar, und man hat wunderbar Zeit, den Farben und Obertönen, die durch das dritte Pedal entstehen, nachzulauschen."

Keine Trennlinie
Diese Farben und Klänge, so sind die beiden Künstler überzeugt, können durchaus auch jemanden ansprechen, der noch nicht viel Neue Musik gehört hat: „Ich habe Anika gesagt, sie könne den Anfang fast so spielen, wie sie es mit Alexander Skrjabins glühenden Akkorden macht", erzählt der Komponist. „Wir sind einmal im Gespräch auf das Wort ,Sinnlichkeit‘ gekommen und haben beide gleich Skrjabin assoziiert. Für mich gibt es überhaupt keine Trennlinie zwischen Alter und Neuer Musik, ich sehe das ähnlich wie der Komponist Bernd Alois Zimmermann, der die Zeit ja immer als ,kugelförmig‘ beschrieben hat: Alle Stilrichtungen sind gewissermaßen gleich weit entfernt. Ich selbst versuche einfach Musik zu schreiben, die auch mir selbst gefallen würde."

Und wie erlebt Anika Vavic die Beziehung zwischen Alt und Neu? „Ich sehe das ganz ähnlich: Wir erleben die Werke der Vergangenheit ja auch nicht als ,alt‘ - ein Werk wie Schumanns ,Kreisleriana‘ oder Chopins b-Moll-Sonate spricht uns während seines Erklingens unmittelbar an. Umgekehrt verspüre ich auch eine große Verantwortung derjenigen Kunst gegenüber, die zu unserer Zeit entsteht; dieser Verantwortung kann und möchte ich mich nicht entziehen. Deshalb habe ich auch gleich zwei zeitgenössische Werke in mein Konzert aufgenommen."

Spontaneität im Walzertakt
So hat Anika Vavic auch die Möglichkeit genutzt, ein Werk eines weiteren Komponisten aufs Programm zu setzen, von dem sie sich sehr angesprochen fühlt, nämlich des aus Taipeh stammenden Wahlwieners Shih, der mit „Der letzte Walzer" eine Hommage an Wien geschrieben hat: „Das ist ein Stück, das im Gegensatz zu Johannes, der sehr genau notiert, dem Interpreten große Freiheit läßt und so die zeitgenössische Musik von einer ganz anderen Seite zeigt.

Das Tempo ist frei gehalten, und ich kann mich während des Spielens entscheiden, wie oft ich eine Figur wiederhole. Das ist für mich eine ganz wunderbare Möglichkeit, auf die Atmosphäre und auf das Publikum zu reagieren - eine Möglichkeit, die man sonst nicht in diesem Ausmaß hat.

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